Rechtsruck? Linksschwung! Der Klang Österreichs

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Perspektivenwechsel:

Noch nie zuvor haben in Österreich weniger Menschen rechts gewählt als bei dieser Bundespräsidentenwahl: 49,7%. Traditionell hat es in Österreich immer eine klare, konservative Mehrheit für die Parteien rechts von der Mitte gegeben – zwischen 55-60%, übrigens seit mehreren Jahrzehnten stabil.

Wie kommt es nun dazu, dass ausgerechnet in dieser politisch unsicheren Zeit voller Herausforderungen, der geschickt agierende, sympathisch wirkende und rhetorisch geschulte Kandidat aus dem rechten Lager keine Mehrheit erlangen kann? Wie konnte er quasi Stimmen verlieren gegenüber bisherigen Wahlergebnissen? Es wird wohl nicht am sooo dynamisch geführten, kreativen oder gar originellen Wahlkampf des honorigen Gegenkandidaten aus dem linken Lager liegen. Bitte wo auf der Welt kann ein eindeutiger Grün-Politiker 50,3% der Bevölkerung hinter sich versammeln – also gleichsam Stimmen aus dem Rechtslager zu sich ziehen?

Ich erinnere mich an eine Schlüsselstelle in diesem Wahlkampf, an einen Moment, wo eigentlich schon alles vorbei war: In dem Moment, wo der ORF am Wahlabend in die FPÖ Zentrale schaltet, beginnen die üblichen Statisten mit rot-weiß-roten Tafeln dicht gedrängt »Österreich! Österreich! Österreich!« zu skandieren. Nicht dass ich Österreich nicht mag, ich liebe meine Heimat und ich finde das Wort »Österreich« auch in seinem eigentümlichen Klang, in seiner Phonetik, reizvoll und liebenswert. Aber der Gestus, der Impetus, mit dem hier scheinbar wild gewordene Männer dieses unser »Österreich« deklamieren, das hat in mir echtes Unbehagen ausgelöst.

Dieses Ritual soll sich an diesem Abend noch mehrmals exakt wiederholen, jedesmal wenn der ORF in die FPÖ Zentrale schaltet geschieht dasselbe. Es liegt Hetze in der Luft – und der Wille zur Übertreibung. Zu einem Zeitpunkt, wo der Wahlkampf längst vorbei ist! Der Schauer läuft mir schließlich über den Rücken bei der Vorstellung, dass nun möglicherweise unser nächster Bundespräsident sich vor diesem erschreckenden Szenario, diesem bierzeltartigen Tumult, zu seinem Wahlsieg bekennt. Himmel und Erde sei Dank, dass uns dieser grausame Moment erspart geblieben ist. Denn in der Art, wie diese Truppe vor laufenden Kameras »Österreich!« skandiert, gelangt der hetzerische Geist dieser Bewegung ans Tageslicht. Missbrauchen diese Menschen unser Gemeingut »Österreich« für ihre Aggression?

Meine Hypothese ist es, dass die 50,3% der WählerInnen (die bestimmt nicht alle Van-der-Bellen Fans sind) rechtzeitig begriffen haben – vielleicht nicht rationell, aber in ihrem Bauchgefühl gespürt haben – dass man in einer Gesellschaft, die soweit gekommen ist wie hier im friedlichen und hochentwickelten Österreich, einen Rechtspopulisten ganz einfach nicht zum Bundespräsidenten macht.

Dass man hingegen einen grünen Real-Politiker heutzutage an die repräsentative Spitze dieses Landes wählen kann, das hat sich schon bei den allerersten Auftritten des designierten Bundespräsidenten als richtig erwiesen – nicht nur wegen seiner Wirtschaftskompetenz im Bereich der Wohlstandsumverteilung oder wegen seiner europapolitischen Position. Nein. Richtig ist es vor allem wegen seiner dezenten, unaufdringlichen aber unübersehbaren emotionalen Intelligenz: Der Dank an den Mitbewerber, die glaubwürdige Respektbekundung an den politischen Gegner, der Handschlag, das Aufeinanderzugehen – das sind die richtigen und wichtigen Zeichen. Ein gutes Ende für einen langen Wahlkampf und ein gelungener Anfang einer neuen, sicherlich herausfordernden Präsidentschaft. Verbinden statt Trennen ist das Motto.

SHA. © 2016