SINNESARBEIT EINE MEDITATION FÜR DAS SEHEN

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In meiner Arbeit als »Holistic Designer« darf ich immer wieder besonders ambitionierte Projekte in ihrem Entwicklungsprozess begleiten – oft von Beginn an … von B wie Branding … über B wie Bauen … bis zu B wie Betreiben. Unser Atelier repräsentiert heute die Erfahrung von mehr als 300 Standorten in 35 Ländern – sehr unterschiedliche Projekte in sehr unterschiedlichen Kontexten.

Grundlage unseres Tuns war und ist aber in jedem Projekt die »SinnesArbeit«, die Schulung der eigenen Wahrnehmung als Grundlage für den Design Prozess. Meist gelingt es uns, diese »SinnesArbeit« gemeinsam mit dem Auftraggeber durchzuführen. In diesem Zusammenhang habe ich – für den Einstieg in tieferliegende Prozesse – eine kleine »SinnesReise« entwickelt; eine Meditation für das Sehen; für das innere und äussere Sehen.

Eine Meditation zur Ausweitung unseres Wahrnehmungspotentials.

Am besten gelingt Dir das, wenn Du Deine eigenen Augen schließt und Dir den Text von einer vertrauten Stimme vorlesen lässt. Also:

»Bitte schließe Deine Augen.

Wenn Du die Augen geschlossen hast: Was siehst Du?

Und wenn Du die Augen geschlossen hast und dir vorstellst, was Du sehen würdest, wenn Du die Augen offen hättest: Was siehst Du jetzt?

In beiden Fällen sehen wir: LICHT.

Tatsächlich ist alles, was wir sehen können, Licht. Ohne Licht können wir nicht und nichts sehen. Wenn wir uns also mit der Gestaltung von Räumen – mit Interior Design – beschäftigen, dann sollten wir uns an allererster Stelle um das Licht kümmern, das uns den Raum sichtbar macht. Gängige Praxis in Architektur- und Designprozessen ist es aber, das Licht (und gemeint ist damit vor allem die Lichttechnik) als ein Beiwerk der Raumgestaltung zu betrachten – ein Beiwerk, das spät, oft zu spät hinzugezogen wird, um architektonische Schwachstellen auszubügeln, ihnen sozusagen »Stimmung zu verleihen«. Dabei gilt: Das Sehen – und damit das Design – steht und fällt mit dem Licht!

Welche ARTEN von Licht können wir sehen?

Um sich als Gestalter den schier unzähligen Lichtmöglichkeiten annähern zu können, kommen wir um eine kleine Analyse nicht herum: Da sehen wir einerseits direktes Licht, das uns blenden kann, wo der Lichtstrahl direkt aus einem Leuchtmittel in unsere Augen gelangt. Andererseits ist da das indirekte Licht – für die Raumgestaltung besonders relevant – als Reflexion an einer Materialoberfläche oder als Brechung im Material selbst, wo das Licht dann z.B. transluzentes Glas durchdringt und durchschimmert.

Welche QUALITÄTEN von Licht können wir sehen?

Da stellt sich zunächst die Frage nach der Wellenlänge – also nach dem Lichtspektrum, was wir simpel als Farbe wahrnehmen. Stell Dir kurz in Deinem inneren Auge einen mächtigen, bildfüllenden Farbverlauf vor: von einem tiefen dunklen Blau … über ein immer heller werdendes Türkis … bis hin zu einem kräftigen Orange … und, ja jetzt, sogar bis hin zu einem sanften Lila-Ton. Dabei geht es uns auch noch um Hell-Dunkel-Kontraste, um Unterschiede zwischen warmen und kalten Lichtern und letztlich um den Intensitätskontrast zwischen intensivem und schwachem Licht. Das kannst Du leicht überprüfen: Nimm nochmals Deinen letzten, sanften Lila-Ton und intensiviere ihn, immer stärker … bis er »laut« wird … und »dicht«. Jetzt wurde aus dem Lila fast ein Pink ;)

Aber was kann das Licht schließlich zum Vorschein bringen? Welche KATEGORIEN DES SEHENS sind wir imstande, zu erfassen?

Da sind zunächst Feinstrukturen wie Materialoberflächen oder Mikromusterungen, wo sich oft eine gleichsam automatische Verbindung zum Tasten und Spüren einstellt. Ich spreche hier von der »gesehenen« Haptik im Unterschied zur »gefühlten« Haptik und meine damit unsere faszinierende Fähigkeit, eine haptisch interessante Oberfläche gleichsam mit den Augen »berühren« zu können ... Dann sind da die visuellen Grobstrukturen: Linien, Kanten, Biegungen, hart, weich, Flächen und Flächenverläufe, die in weiterer Folge sogenannte »Gestalten« ausbilden. Ja und dann sehen wir schon Raum – definiert als Beziehung dieser Gestalten zueinander. Auch sehen wir Abstände, Proportionen und sogar Leere. Dann sehen wir Raum in Bewegung – vom Stillstand zur Dynamik des Perspektivenwechsels. Wir sehen verschiedene Bewegungsachsen, Richtungen und Geschwindigkeit, ja wir sehen Geschwindigkeit. Und schließlich können wir sogar »Zeit« sehen: als Zeit-Raum, als Zeit-Verlauf, aber auch als Alter eines Materials/einer Materialoberfläche – als materialinhärente Zeitstruktur. Ja, wir sehen sogar das Alter eines Menschen. Wir sehen das Alter des Menschen .:.

Und dann ist da noch Etwas.

Scheinbar jenseits dieser Kategorien des Sehens liegt der unscharfe Raum, die unscharfe Zeit, ohne klare Begrenzungen, eher ein nebeliges, wolkiges, feinnetziges Raum-Zeit-Gebilde. Eine Sphäre. Eine Cloud. Der QuantenRaum? Oder auch ein Ganzfeld. Hier ändert sich unsere Wahrnehmung. Das Sehen wendet sich nach Innen. Es öffnet sich eine neue Welt.«

Doch dazu … mehr … beim nächsten Mal.

© SHA. 2016